Unabhängige Kommission

Materielle Hilfen

Sabine Claassen berät am Telefon

Gerne ist die Ansprechstelle beim Erstellen eines Antrags auf finanzielle Unterstützung behilflich.

Bild: ELKB/unit4

Zur Aufarbeitung sexueller Gewalt in ihrem Verantwortungsbereich gibt es in der bayerischen Landeskirche die „Unabhängige Kommission für finanzielle Leistungen in Anerkennung des Leids“.

Eine Wiedergutmachung von geschehenem Leid ist nicht möglich. Aber es gibt das Angebot, neben immaterieller Unterstützung in Form von Seelsorge und Beratung auch durch materielle Hilfe für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs das Leid der Betroffenen wahrzunehmen und anzuerkennen. Die Landeskirche und das Diakonische Werk haben dafür 2015 eine Unabhängige Kommission eingesetzt, die über eine derartige Unterstützung entscheidet. Die Leistungen sollen dazu beitragen, die noch andauernden Folgen der erlittenen sexualisierten Gewalt zumindest zu mildern.

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Die finanziellen Leistungen gelten für Betroffene, die als Kinder oder Jugendliche durch Mitarbeitende der Evangelischen Kirche in Bayern und ihrer Diakonie sexuell missbraucht wurden und deren Ansprüche gegen den oder die Täter*in – i.d.R. wegen Verjährung - nicht mehr durchsetzbar sind. Ist ein Anspruch noch nicht verjährt, so muss er vorrangig auf dem Rechtsweg verfolgt werden, also gegenüber dem unmittelbaren Täter/ der Täterin und ggf. auch gegenüber der Institution, sofern diese für die Tat mithaftet. In diesem Falle können Sie über die Ansprechstelle Kosten für eine rechtsanwaltliche Erstberatung erhalten.

Es ist uns bewusst, welch großer Schritt es für Betroffene ist, über das zu sprechen oder zu schreiben, was ihnen angetan wurde – so wie es im Rahmen der Antragsstellung erforderlich ist. Dennoch möchten wir Sie ausdrücklich dazu ermutigen, einen Antrag zu stellen. Gerne sind wir Ihnen dabei behilflich.

Finanzielle Leistungen in Anerkennung erlittenen Leids

Wenn Sie als Kind oder Jugendliche*r in Kirche oder Diakonie sexuellen Missbrauch erlebt haben und Ihre Ansprüche gegen den oder die Täter*in und/oder die Institution wegen Verjährung nicht mehr durchsetzen können, haben Sie die Möglichkeit, finanzielle Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids zu beantragen. Nach Maßgabe der „Orientierungshilfe der EKD zu Unterstützungsleistungen an Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung ihres Leids“ vom Kirchenamt der EKD, Stand 17. April 2012 erklärt sich die Landeskirche bereit, individuelle Leistungen an Sie zu erbringen, wenn Sie

  • glaubhaft machen, dass Sie sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende einer kirchlichen Körperschaft oder einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes Bayern erlitten haben und wenn
  • ein institutionelles Versagen einer Stelle in der Landeskirche, im Diakonischen Werk oder in einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes für das erlittene Leid (mit)ursächlich war oder dieses Leid ermöglicht hat.

Solche Leistungen sind freiwillige Leistungen, die ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht erfolgen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Aus der Gewährung dieser freiwilligen Leistungen können keine neuen Rechtsansprüche hergeleitet werden oder entstehen.

Verfahrensweise zur Anerkennung von Leid

Für die Anträge auf Leistungen zur Anerkennung von Leids steht ein Vordruck zur Verfügung, der ausgefüllt werden muss. Hierbei berät und unterstützt Sie die Geschäftsstelle der Unabhängigen Kommission gerne. Im Rahmen des Antrags müssen Sie auch eine eidesstattliche Versicherung darüber abgegeben, dass Sie den Sachverhalt nach bestem Wissen und Gewissen geschildert haben. Dies ist erforderlich, weil die Unabhängige Kommission, anders als ein Gericht, nicht verlangt, dass der geschilderte Sachverhalt bewiesen wird. Er wird lediglich auf seine Plausibilität überprüft. Haben Sie bereits schriftlich an anderer Stelle über die Tat berichtet oder liegen Ihnen ärztliche Atteste vor, so können solche Unterlagen dem Antrag beigefügt werden, so dass so weit wie möglich vermieden wird, dass Sie das Geschehene erneut berichten müssen und dadurch neu belastet werden.

Über den Antrag auf Leistungen entscheidet seit 2015 die „Unabhängige Kommission für finanzielle Anerkennung des Leids durch sexualisierte Gewalt“. Die Kommission wird vom Landeskirchenrat berufen, sie ist jedoch nicht an dessen Weisungen oder an Weisungen einer Kirchenbehörde, des Diakonischen Werks oder einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes gebunden. Die Kommission verfügt über psychologischen, juristischen und theologischen Sachverstand. Die Kommission ist Ende 2019 für eine weitere Berufungsperiode neu besetzt worden und besteht aus folgenden Mitgliedern: Birgit Benesch, Vorsitzende Richterin am OLG München – Familiensenat, Pfarrer Heinrich Götz, emeritierter Rektor der Evangelischen Diakonissenanstalt Augsburg, Hanna Moritzen, Pädagogin und Supervisorin Hanna Moritzen mit Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Dr. Jürgen Thorwart, psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker, Pfarrerin Barbara Hauck, Pfarrerin und Pastoralpsychologin und Leiterin der Beratungsstelle „Offene Tür –Cityseelsorge St. Jakob“ in Nürnberg.

Die Unabhängige Kommission entscheidet normalerweise nach Lage der Akten. Sie kann jedoch eine nichtöffentliche mündliche Anhörung durchführen, wenn sich dies im Einzelfall für erforderlich hält oder wenn Sie dies beantragen. Die Beratungen der Kommission sind vertraulich. Vertreter und/oder Vertreterinnen des Landeskirchenamtes bzw. des Diakonischen Werkes oder der betroffenen Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes können an den Beratungen ohne Stimmrecht teilnehmen.

Bei der Bemessung der Anerkennungsleistung würdigt die Kommission vor allem Art und Schwere des sexuellen Missbrauchs, wie alt Sie zum Zeitpunkt der Tat waren und welche Folgen die die Tat für Ihr Leben hat.

Gegen die Entscheidung der Unabhängigen Kommission können Sie innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe Beschwerde beim Landeskirchenrat einlegen, der dann endgültig entscheidet.

Wird eine Leistung gewährt, so erhalten Sie auch das Angebot, mit einem Mitglied des Landeskirchenrats bzw. einem Mitglied der Unabhängigen Kommission zu sprechen, wenn Sie dies wünschen. Für die Kirchenleitung bzw. die Unabhängige Kommission ist dies die Gelegenheit, Ihre Geschichte persönlich wahrzunehmen und Sie persönlich um Entschuldigung zu bitten.

Übernahme von Kosten für Therapie und Beratung

Kosten für Therapie und Beratung, können Sie ggf. über das „Ergänzende Hilfesystem sexueller Missbrauch“ (EHS) geltend machen, an dem sich die Evangelische Landeskirche in Bayern und das Diakonische Werk Bayern beteiligen. Das EHS unterstützt (u.a.) Betroffene, die als Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt im institutionellen Umfeld der Evangelischen Landeskirche in Bayern erleiden mussten. Ziel des Hilfesystems ist es, die aus dem sexuellen Missbrauch noch bestehenden Folgeschäden zu lindern.

Das Ergänzende Hilfesystem gewährt Hilfen in Form von Sachleistungen, die dazu dienen sollen, heute noch existierende Folgen des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit oder Jugend abzumildern beziehungsweise auszugleichen. Die Leistungen werden ergänzend gewährt, das heißt nur dann, wenn ein gesetzliches Leistungssystem (zum Beispiel Krankenkasse, Jobcenter) die Leistung nicht oder nicht mehr finanziert. Sie können beim EHS beantragt werden.

Ausführliche Informationen finden Sie hier.

Die Unterstützungsangebote der Ansprechstelle für Betroffene sind davon unbenommen.


19.10.2020 / ELKB